Einmal emissionsfrei den Äquator umrundet 

„Wir beamen uns jetzt mal alle kurz zurück ins Jahr 2014…“, so beginnt Nils Ulrich seinen Vortrag vor den Segelflugpilotinnen und -piloten des Luftfahrtverein Mainz. Es ist der 11.11.2017, 18:00 Uhr: Anstatt in der Mainzer Innenstadt bei regnerischem Wetter die Eröffnung der Mainzer Fastnachtssaison zu feiern sind die aktiven Mitglieder des Segelflugs im Schulungsraum des Flugplatzes Mainz-Finthen zusammengekommen, um auf die abgeschlossene Flugsaison 2017 zurückzublicken und die kommende Saison 2018 ins Auge zu fassen.


Nils Ulrich, 25 Jahre jung, ist aktiver Pilot, Fluglehrer und gleichzeitig Referent der Sparte Segelflug im Mainzer Luftfahrtverein. Er bekleidet damit sozusagen das höchste und wichtigste Amt in diesem Bereich und macht dies bereits seit Anfang 2016 sehr erfolgreich. Sein kurzer Vortrag am heutigen Tag dreht sich um die vergangene Saison und die erzielten Erfolge aus sportlicher Sicht. Er erzählt, dass er bei der Aktivenversammlung vor drei Jahren über die damals geflogenen Gesamtkilometer der Segelfliegerinnen und Segelflieger des Mainzer Vereins berichtet hatte. Diese hatten in jener Saison insgesamt mit 23 verschiedenen Pilotinnen und Piloten über 35.000 Kilometer im Streckensegelflug zurückgelegt. Selbstverständlich ohne einen Tropfen Benzin zu verbrauchen. Er hatte bereits in seinem Vortrag aus dem Jahr 2014 zu dieser und weiteren Zahlen verkündet, dass sie ein erfolgreiches Jahr signalisieren und alle Pilotinnen und Piloten stolz auf ihre persönlichen Leistungen sein könnten. Als mögliches Ziel für die folgenden Jahre hatte Nils Ulrich damals angeführt, dass die Länge des Äquators 40.075 Kilometer beträgt und dies ein erstrebenswertes Ziel sei. In der nun vergangenen Flugsaison 2017 haben die Segelflugpilotinnen und -piloten des Mainzer Vereins diese Zahl um das Eineinhalbfache überboten. Sie flogen mit ihren vereinseigenen und privaten Segelflugzeugen über 66.000 Kilometer im motorlosen Flug.

 

Online Vergleich fördert Motivation

Dieser neue Rekord für den Mainzer Verein wurde von 24 Vereinsmitgliedern in insgesamt 225 dokumentierten und gemeldeten Leistungsflügen erflogen. „Gemeldet“ bedeutet in diesem Sinne, dass die Daten der Flüge mitsamt Flugweg, Höhen, Geschwindigkeiten, Steigraten und Gesamtkilometern in einem Onlineportal eingereicht werden, um Mitgliedern der weltweiten Segelfluggemeinschaft einen Leistungsvergleich zu ermöglichen (www.onlinecontest.org).

 

Die Digitalisierung hat damit auch im Segelflug Einzug gehalten und ermöglicht seit 2005 auch eine Reihe von dezentralen nationalen sowie internationalen Wettbewerben. Dies schafft Anreize für alle Pilotinnen und Piloten, die eigenen Leistungen stetig zu verbessern. Der Begriff „Leistung“ ist in diesem Zusammenhang durchaus angebracht, schließlich sind einige Fähigkeiten nötig, um solch große Strecken ohne motorisierten Antrieb zurückzulegen. Ein Segelflugzeug muss, um seine benötigte Geschwindigkeit von oft mindestens 80 km/h zu halten, ständig einen leichten Sinkflug einnehmen. Die anfangs mit der elektrisch betriebenen Seilwinde gewonnene Ausgangshöhe von ca. 400 Metern wäre damit nach ca. 10 Minuten aufgebraucht und die Landung stünde an. Die große Kunst des Segelfliegens besteht deshalb darin, bei geeigneten Wetterlagen thermische Aufwinde, also aufsteigende warme Luft, ausfindig zu machen und in diesen zu kreisen, um wieder Höhe zu gewinnen. Die gewonnene Höhe kann dann in Wegstrecke umgesetzt werden. Je häufiger, stärker und verlässlicher diese Aufwinde auftreten, desto schneller kann zwischen den einzelnen Aufwinden geflogen werden, teilweise mit über 200 km/h. Errechnet man aus den 225 Flügen des Jahres 2017 die durchschnittlich zurückgelegte Strecke, kommt man auf knapp 300 Kilometer pro Flug, die von den Pilotinnen und Piloten auf diese Art und Weise zurückgelegt wurden. Das entspricht in etwa der Entfernung von Mainz nach München - Luftlinie, versteht sich.

Von den Pilotinnen und Piloten wird einiges gefordert, um solche Leistungen erbringen zu können. Zunächst muss das Wetter ausführlich analysiert werden, um zu entscheiden, ob und in welchem Gebiet am besten ein „Streckenflug“ möglich ist. Am frühen Vormittag, nach dem Start, muss dann mit schwachen Aufwinden, die oft durch nur wenige Wolken markiert sind, versucht werden, in der Luft zu bleiben und die ersten Kilometer zurückzulegen.

 

 

Gutes Segelflugwetter im Hunsrück. Blick aus unserem DuoDiscus bei einem Streckenflug im Juli 2017

 

In diesem Jahr ist den Pilotinnen und Piloten glücklicherweise das, was sie sich vorgenommen hatten, häufig gelungen: Sie konnten weite Strecken zurücklegen und fast immer gegen Abend wieder in Mainz landen. Der weiteste Flug wurde am 29.04.2017 absolviert und zählte am Ende ganze 653 Kilometer Flugstrecke. Er führte seinen Piloten Helmut Brunner von Mainz über Idar-Oberstein nach Marburg, anschließend nach Würzburg und wieder zurück nach Mainz.

 

Fast die Hälfte von Nachwuchspilotinnen und -piloten

Möglich gemacht wurden diese guten Leistungen aber nicht nur durch gutes Flugwetter im Jahr 2017, sondern vor allem auch durch das vom Verein zur Verfügung gestellte Material. Schließlich wurde ein Drittel der geflogenen Kilometer auf Flugzeugen zurückgelegt, die im Vereinsbesitz sind. Noch beeindruckender ist jedoch eine andere Zahl: Über 50 Prozent der Kilometer wurden von Nachwuchspilotinnen und -piloten unter 25 Jahren zurückgelegt. Da diese sich in der Regel kein eigenes Flugzeug leisten können, nutzen sie zur Ausübung ihres Hobbys fast ausschließlich Vereinsflugzeuge des LFV Mainz, die jedes Mitglied gegen ein moderates Entgelt pro Stunde mieten kann. Die Flugzeuge werden abhängig von Bedarf und Wetter flexibel an jedem Flugtag unter den Anwesenden aufgeteilt.

 

Die richtige Kaufentscheidung getroffen

Anfang des Jahres 2017 wurde die Flotte der Mainzer Segelflugzeuge um ein gebrauchtes Hochleistungssegelflugzeug, einen Ventus 2b des deutschen Flugzeugherstellers Schempp Hirth, erweitert. Haupteinsatzzweck des Flugzeuges sollen eben solche Leistungsflüge sein. Die Zahlen und Erfahrungen der vergangenen Saison bestätigen die Entscheidung der Mitglieder und des Vorstandes, ein solches Flugzeug anzuschaffen und den Pilotinnen und Piloten zur Verfügung zu stellen. Zusätzlich zur Erweiterung der Flotte wurden Anfang 2017 weitere Investitionen getätigt: Fast alle Vereinsflugzeuge wurden mit neuer GPS-Navigationstechnik ausgestattet. Die modernen Geräte verfügen über ein großes Display auf dem neben geographischen Informationen auch die Luftraumstruktur und die mit der aktuellen Höhe voraussichtlich zurücklegbare Gleitstrecke abgebildet werden. Sie stellen bei Streckenflügen abseits des heimischen Flugplatzes sowie in der komplexen Luftraumstruktur um den Mainzer Flugplatz eine sehr große Unterstützung dar und sind heutzutage fast unabdingbar.

 

 

Das neueste Mitglied der Mainzer Flugzeugflotte - ein Ventus 2b

 

Neben dem dezentralen Wettbewerb über die Onlineplattform „OLC“, bei dem die Mainzer Pilotinnen und Piloten in verschiedenen Kategorien, sowohl auf Landesebene als auch deutschlandweit, gute Platzierungen erzielt haben, wie zum Beispiel den vierten Platz in der Mannschaftswertung Rheinland-Pfalz, gibt es auch zentrale Wettbewerbe. Bei dieser Art von Segelflugwettbewerb starten die Pilotinnen und Piloten an mehreren Wertungstagen vom gleichen Startplatz aus und versuchen dann die von der Sportleitung vorgegebenen Aufgaben zu fliegen. Am Ende des Wettbewerbs gewinnt derjenige, der die Strecken am erfolgreichsten, das heißt mit der insgesamt höchsten Durchschnittsgeschwindigkeit geflogen ist. Einige Mitglieder des Mainzer Vereins haben auch an solchen Wettbewerben teilgenommen und dabei beachtliche Ergebnisse erzielt. Unter anderem ist ein hervorragender vierter Platz des Nachwuchspiloten Paul Gliwitzky bei einem regionalen Wettbewerb in Ludwigshafen, der jedes Jahr über die beiden Feiertagswochenenden Christi Himmelfahrt und Pfingsten ausgetragen wird, zu nennen.

 

 

Vorbereitungen im Starterfeld beim Junioren Qualifikations Wettbewerb in Bad Sobernheim.

 

Zum Mond sind es 384.400 Kilometer

Das Ziel der nächsten Saison liegt für die Mainzer ganz klar darin, diesen Trend aufrecht zu erhalten und an die guten Leistungen des vergangenen Jahres anzuknüpfen. Aber auch das Streben nach höheren Zielen liegt der Gruppe nicht fern, schließlich sind es zum Mond „nur“ 384.400 Kilometer. Da zu diesem Erfolg natürlich auch das Wetter einen großen Beitrag leisten muss, hoffen wir auf gutes Segelflugwetter für 2018, am besten immer pünktlich zum Wochenende.

 

 

Christoph Boebel